Eines Tages

Wir laufen schon eine ganze Weile immer weiter, nach vorn, ohne Pause. Wir lachen. Wir halten uns die Hände. Wir schnaufen ab und zu. Es ist nicht immer leicht zusammen die Richtung zu halten. Die Vögel zwitschern, man hört Menschen links und rechts. Es ist ein wunderschöner Sommertag. Eiscreme, der Duft von Sonnenmilch, Durst auf eine eisgekühlte Cola mit einer frischen Zitrone. Und während wir so miteinander laufen, geschieht es. Wie aus dem Nichts stossen wir mit etwas Weichem zusammen. Ein kurzer Moment des Widerstands und mit einem Mal stecken wir schon mitten drinnen – in einer schwabbeligen Blase aus einer klebrigen, zähen und irgendwie öligen Substanz. Du drehst Dich zu mir um. Deine Augen weit aufgerissen, fragend. Als sich Dein Mund öffnet kommt kein Laut. Und auch Du scheinst mich nicht mehr zu verstehen. Wir stecken fest, Hand in Hand, schreien einander an und hören uns doch nicht. Gerade einmal ein paar Zentimeter neben uns, ausserhalb dieser öligen Blase laufen Menschen vorbei, Jogger, Eisverkäufer, Liebespaare. Sie blicken uns an. Sie bewegen sich viel viel schneller, als wir es hier drinnen können. Eigentlich bewegen wir uns gar nicht mehr. Alle scheinen uns zu überholen. Ich versuche uns heraus zu ziehen, aber je mehr ich mich bewege, desto enger und fester stecke ich fest. Einen Moment lang glaube ich, Dich weinen zu sehen. Ich blicke an mir herunter, versuche den Boden zu sehen. Und auf einmal wird die vorher noch klare Flüssigkeit zunehmend dunkler und verschwommener. Dein Gesicht verliert sich vor meinen Augen. Ich kann mich keinen Zentimeter zu Dir hin bewegen. Dann ein Hoffnungsschimmer. Ich höre Deine Stimme. Aber wo ich zuerst noch Deine Melodie erkenne, merke ich schnell etwas Verzerrtes und irgendwie Gebrochenes. Ich versuche Dir zu sagen, dass das alles nur an dieser klebrig, schmierigen Substanz liegt, dass es an unserer momentanen Situation liegt, dass es draussen immer noch sonnig und wunderschön ist. Ich drücke Deine Hand, ich spüre sie immer noch. Aber meine Erklärungen, meine Argumente, meine Stimme scheint bei Dir genau so gebrochen und schrill anzukommen, wie die Deine bei mir. Ich höre Dich wimmern, fluchen, schimpfen, wie wahnsinnig lachen, abwesend summen. Dann, reine Stille. Ich spüre Deine Hand in meiner erschlaffen. Ich habe Angst. „Stillstand ist Tod.“ hämmert es in meinem Kopf. Lange nichts, dann auf einmal ein leichtes Zucken. Du bist wieder da. Jetzt oder nie. Deine Hand zieht meine nach vorn. Meine Hand zieht Deine nach vorn. Unsere Hände ziehen uns Beide hinter sich her. Ein Urschrei, lauter als alles andere erschüttert mich. Ich brülle vor Schmerz, meine Ohren scheinen zu platzen. Ich krümme mich, falle nach vorne. Wir Beide machen genau im selben Moment einen Schritt nach vorn und mit einem Mal. Mit einem Mal blendet heiße Sommersonnenmittagshitze meine blasse Haut. Wir laufen weiter.

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1 Antwort zu Eines Tages

  1. Peter sagt:

    Das ist gut – wer ist der Autor? Ist das in einem besonderen Kontext geschrieben und gefühlt? Man sollte das kaufen können….

    Gruß Peter

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