Welt am Draht: simulieren wir mit KI bald die gesamte Welt?

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Welt am Draht: simulieren wir mit KI bald die gesamte Welt?

„Wir können nur sehen, was wir verstehen.“ – Johann Wolfgang von Goethe

Vor ein paar Wochen hatte ich eine angeregte Unterhaltung mit André Cramer zur Fragestellung „wie Simulationen die KI-Entwicklung vorantreiben„. Das Thema hat mich nicht mehr losgelassen.

Und so bin ich Hals über Kopf in einen Kaninchenbau gestürzt, an dem scheinbar schon länger als 17 Jahre gebaut wurde. Also anschnallen, es wird ein wenig „ruppig“, denn ich stieß auf die „Sentient World Simulation“ oder kurz SWS.


Die ersten Einträge, die ich dazu gefunden habe, gehen zurück ins Jahr 2007 in Form eines Artikels des „The Register„. Demnach wurde das Projekt damals in Auftrag für das US-Verteidigungsministerium entwickelt (DARPA schien auch involviert) und zielt(e?) darauf ab, eine virtuelle Kopie unserer realen Welt zu erschaffen, um zukünftige Ereignisse vorherzusagen und Handlungsoptionen zu evaluieren. Tony Cerri, Jfcom J und Alok Chaturvedi veröffentlichten 2006 dazu ihre Arbeit mit dem Titel: „Sentient World Simulation ( SWS ) : A Continuously Running Model of the Real World A Concept Paper for Comments„. Leider ist dieses PDF auf den Servern der Perdue Universität nicht mehr abrufbar. Ebenso findet sich im aktuellen Lebenslauf von Alok Chaturvedi kein Hinweis mehr auf die genannte Arbeit. Das ist insofern auffällig, weil der Wissenschaftler bis 2007 kontinuierlich Arbeiten zu Simulationen veröffentlicht hatte. Die Arbeit zum SWS wurde angeblich ebenfalls 2007 veröffentlicht- im Lebenslauf aber: nicht verzeichnet. Stattdessen bricht sein CV in genau diesem Jahr ohne Nennung des genannten Papers ab und wird dann erst wieder 2009 fortgeführt.

Ausschnitt der Veröffentlichungen wissenschaftlicher Arbeiten von Alok Chaturvedi.
Ausschnitt der Veröffentlichungen wissenschaftlicher Arbeiten von Alok Chaturvedi.

Mit der Perdue Universität entwickelte er dann (ich vermute basierend auf der oben genannten, wissenschaftlichen Arbeit) SEAS LABS. SEAS steht dabei für eine „synthetische Umgebung für Analyse- und Simulationsprogramme“ – eine Bezeichnung, die dem Titel seiner Arbeit (siehe Screenshot des CV oben) ziemlich ähnelt. Das Ganze wurde spannender, je mehr ich dazu las. Wurde das SWS mittlerweile gestoppt? War es zu teuer? Wurde das SWS privatisiert? Ging es in einen „Stealth Mode“? Warum gab es jede Menge Preise für seine Arbeit, aber dann scheinbar keine weitere Verwendung? Eine Fährte führte mich dann aber doch weiter zu „Simulex„, einem Unternehmen dessen Gründer niemand anderes war als: Chaturvedi. Simulex basierte nachweisbar auf den Erkenntnissen aus Chaturvedi’s Arbeiten. Das Unternehmen testete seine Fähigkeiten in der Krisenregion Afghanistan.

„Im Wesentlichen erstellen wir Computermodelle des menschlichen Verhaltens“, sagt Simulex-Gründer Dr. Alok Chaturvedi, der auch Professor an der Krannert Graduate School of Management von Purdue ist. „Wir kombinieren Open-Source-Daten mit Theorien aus verschiedenen sozialwissenschaftlichen Disziplinen, um Verhaltensweisen von Menschen und Gesellschaften zu modellieren. Wir haben uns viel mit dem Nahen Osten beschäftigt, etwa mit dem Irak und Afghanistan, und wir haben eng mit dem Heimatschutz zusammengearbeitet.“ (aus: SBIR-STTR-Success: Simulex, Inc.)

Obwohl Chaturvedi SEAS im Jahr 2013 an ein anderes Unternehmen verkaufte, ist die von ihm entwickelte Technologie laut der Use Case Beschreibung zu Afghanistan nach wie vor im Einsatz. So soll SEAS in großem Umfang von Fortune-500-Unternehmen, lokalen und bundesstaatlichen Behörden und dem US-Verteidigungsministerium für Experimente, Planung, Analyse, Betrieb und Gestaltung komplexer Probleme weiterhin eingesetzt werden.

Ich fragte mich, welche Fortschritte es bei SWS wohl heute gibt und was das für uns alle bedeutet – gerade in Zeiten, in denen wir über generative KI genau so etwas viel einfacher umsetzen können als noch vor 2-3 Jahren.

Aber worüber reden wir hier eigentlich?


Die Sentient World Simulation: Unser digitaler Zwilling

Liest man die Quellen zur SWS etwas genauer kann einem schon mal schwindelig werden. Demnach ist die SWS ein gewaltiges Unterfangen mit dem Ziel, unsere komplexe Welt in einer Computersimulation nachzubilden. Milliarden virtueller Agenten sollen dabei das Verhalten von Individuen, Organisationen und ganzen Nationen simulieren. Durch die Verknüpfung riesiger Datenmengen aus unterschiedlichsten Quellen wie Satellitenbildern, Social Media, Wirtschaftsindikatoren und Geheimdienstberichten soll die SWS in der Lage sein, realistische Szenarien zu generieren und mögliche Zukunftsverläufe zu analysieren.

Für Militärstrategen ist dies ein mächtiges Werkzeug, um die Auswirkungen verschiedener Interventionen, diplomatischer Initiativen oder wirtschaftspolitischer Maßnahmen zu testen, ohne reale Konsequenzen fürchten zu müssen. Aber auch die Wirtschaft könnte an solchen simulierten Welt

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