KI-Logbuch
Inspiration, Entdeckungen, Anwendungen
Digitale „Königsflüsterer“: „Nudging“ im KI-Zeitalter
Created on 2025-07-15 21:46
Published on 2025-07-16 05:00
Liebe Neugierige, Kreative, Entdecker*innen,
KI Modelle faken Fakten über Halluzinationen. Das hat jetzt sogar Apple verstanden und das in einer dafür eigens angelegten Studie „bewiesen„. Das, was solche Sprachmodelle dann aber raus hauen, ist meistens so überzeugend, dass viele Menschen erst gar nicht darüber nachdenken, die Ergebnisse nachzuprüfen (Spoiler: wer das macht, wir bald peinliche Fragen beantworten müssen). Aber gerade dieses überzeugende Argumentieren für völlig falsche Grundannahmen kannte ich bisher so eigentlich nur aus den Gesprächen von Kölner Mitbürgern in der Linie 1 Richtung Neumarkt. Und wenn wir gar nicht merken, dass wir rhetorisch in völlig andere Fahrwasser „geschubst“ werden nennt man das auch „Nudging“. Das leichte Hinführen in Themen, Kaufentscheidungen oder Überzeugungen, die wir so eigentlich gar nicht hätten kenne ich noch zu gut aus meiner Zeit als Konzeptioner und UX Lead während meiner Agentur- und Consulting Zeiten. Und da habe ich mich gefragt: wie sieht Nudging eigentlich jetzt in einer Welt aus, in der KI völlig plausible Welten in wenigen Sekunden erzeugen kann? Inmitten weltweiter Debatten über Desinformation, Datenschutz und digitale Ethik gewinnt, wird dem Thema „Nudging“ meiner Meinung nach nicht genug Aufmerksamkeit gewidmet. Dabei gewinnt genau dieses Thema mit KI-Stand heute wieder massiv an neuer Brisanz. Und, ja, ist jetzt nichts Neues, Nudging. Schon immer hat „Nudging“ unsere Alltagsentscheidungen subtil beeinflusst. Aber mit künstlicher Intelligenz ist Nudging heute personalisiert, unsichtbar und permanent präsent. Richard Thaler, Ökonom und Nobelpreisträger, formulierte einst zusammen mit Cass Sunstein treffend:
„A nudge alters people’s behavior in a predictable way without forbidding any options or significantly changing their economic incentives.“
Ok, Nudging – jetzt nur mit 50% mehr KI?! Was ist dran?
Wie generative KI-Nudges unsere Entscheidungen formen
Nudging heißt, Menschen durch sanfte Anstöße oder „Anstöße“ (engl. „nudges“) zu Handlungen zu bewegen, die angeblich in ihrem oder im gesellschaftlichen Interesse (oder dem eines Unternehmens!) liegen. Was zunächst harmlos klingt, gewinnt in Zeiten generativer KI ganz neue Dimensionen: Plötzlich sind KI-basierte „Schubser“ personalisiert, lernfähig und rund um die Uhr präsent und sie betreffen fast alle Bereiche unseres Lebens, von Gesundheit bis E-Commerce.
Digitale Nudges wirken heute über individuell zugeschnittene Nachrichten, Empfehlungen oder visuelle Elemente, die von Algorithmen sekundenschnell erzeugt werden. Mithilfe generativer KI entstehen dabei nicht mehr nur starre, vordefinierte Hinweise, sondern „schlaue“ Interventionen, die sich im laufenden Dialog verändern: Deine Fitness-App, die dich nach einer eher untätigen Woche freundlich an deinen Trainingsplan erinnert, oder die Online-Seite, die im richtigen Moment auf Nachhaltigkeitsoptionen beim Produktkauf hinweist, sind nur zwei Beispiele davon. Studien zeigen, wie maschinelles Lernen, Natural Language Processing und große Sprachmodelle personalisierte Nudges erzeugen, die sich wie ein menschlicher Gesprächspartner anfühlen.
Diese neuen Möglichkeiten bergen große Chancen: Patienten werden zu gesünderem Verhalten motiviert, Nutzern wird beim Umgang mit KI-Fehlern geholfen, Unternehmen stärken durch subtile Produktempfehlungen ihre Kundenbindung. Aber gerade die Wirksamkeit stellt auch die Ethik auf den Prüfstand, denn: Wann wird aus Unterstützung eine Manipulation? Werden durch KI-Nudges blinde Flecken, Vorurteile und Diskriminierung ins System eingeschleust? Ein wissenschaftlicher Review unterstreicht: KI-gestütztes Nudging steigert die Effizienz und Reichweite von Verhaltensmodifikation, fordert aber gleichzeitig spezifische ethische Leitplanken, um Autonomie, Fairness und Transparenz zu gewährleisten.
Im Spannungsfeld zwischen Nutzen und Kontrolle: Chancen und Risiken
KI-Nudging ist gerade in der Wirtschaft auf dem Vormarsch. Im E-Commerce etwa sorgen KI-gestützte „Schubser“ für eine maßgeschneiderte Use Experience: Produktempfehlungen, Rabatt-Trigger oder „psychologische Preisanker“ erreichen Zielgruppen punktgenau. Marktführer melden dank KI-Nudges gesteigerte Conversion Rates und bessere Kundenbindung in einem zunehmend fragmentierten Umfeld. Generative KI bringt diese Taktik noch weiter voran, indem sie Echtzeitdaten nutzt, proaktiv Kommunikation anpasst und Nutzern immer neue, attraktivere Vorschläge präsentiert.
Bei allem Fortschritt sollten wir aber natürlich auch beim Nudging die „dunkle Seite“ betrachten. Das Risiko steigt nämlich, dass Manipulation subtil und kaum nachweisbar bleibt, denn personalisierte Nudges wirken oft im Verborgenen. Forscher*innen betonen besonders die Herausforderungen beim Datenschutz, der Sicherstellung von Konsens und der Vermeidung von algorithmischen Verzerrungen (Bias). Gerade durch die wachsende Einsatzbandbreite – von nachhaltigem Konsum über Gesundheits-Anwendungen bis hin zu politischer Meinungsbildung – werden die Forderungen lauter, verlässliche ethische und rechtliche Standards zu schaffen, etwa Transparenzpflichten und Schutzmechanismen für individuelle Autonomie.