Liebe Neugierige, Kreative, Entdecker*innen,
ein Gespenst geht um. Es ist kein Geheimnis, dass die politische Landschaft der USA im Jahr 2025 von polarisierenden Kräften geprägt ist. Doch während die Medien über Wahlkampfauftritte und Gesetzesvorhaben berichten, vollzieht sich im Hintergrund ein ideologischer Umbruch, der an Radikalität kaum zu überbieten ist. Der Name Curtis Yarvin taucht dabei immer häufiger auf – ein Mann, der vor einem Jahrzehnt noch als obskurer Blogger abgetan wurde, heute aber als geistiger Wegbereiter für Trumps autoritäre Ambitionen gilt. Wie ich bereits im KI-Logbuch „Demokratie am Scheideweg“ skizzierte, sind Technologie und Machtpolitik längst untrennbar verwoben. Yarvin verkörpert diese Symbiose auf verstörende Weise. Der Philosoph Byung-Chul Han warnte bereits, dass die größte Gefahr für die Demokratie nicht von außen, sondern aus ihrem eigenen Inneren käme – aus der Arroganz der Eliten und der Verzweiflung der Vergessenen. Genau hier setzt Yarvins Narrativ an, das nun Einzug in die höchsten Kreise hält.
Curtis Yarvins Blaupause für den Autoritarismus 2.0
Curtis Yarvin, ein 51-jähriger Softwareingenieur und ehemaliger Tech-Gründer, entwirft seit 2007 unter dem Pseudonym „Mencius Moldbug“ ein politisches System, das er selbst als „neoreaktionär“ bezeichnet. Sein Kernargument: Die USA seien keine funktionierende Demokratie, sondern eine „Kathedrale“ – ein von liberalen Eliten in Medien, Universitäten und Behörden kontrolliertes Propagandasystem. Diese „Kathedrale“ produziere eine „progressive Religion“, die durch „Cancel Culture“ und „Wokeism“ jede abweichende Meinung unterdrücke. Yarvins Lösung? Ein „Hard Reset“: Die Abschaffung demokratischer Institutionen zugunsten einer monarchistischen Führung, die er euphemistisch als „CEO der USA“ bezeichnet.
Was wie dystopische Science-Fiction klingt, hat konkrete politische Konsequenzen. Vizepräsident J.D. Vance, Trumps rechte Hand, bezog sich explizit auf Yarvins Konzept des „RAGE“ (Retire All Government Employees), als er kürzlich forderte, „jeden mittleren Bürokraten zu entlassen und durch unsere Leute zu ersetzen“. Yarvins Einfluss reicht jedoch weiter: Michael Anton, designierter Staatssekretär, diskutierte mit ihm die Errichtung eines „amerikanischen Caesar“, während Tech-Magnaten wie Peter Thiel und Marc Andreessen seine Ideen finanziell und ideologisch unterstützen.
Das Gefährliche an Yarvins Theorien ist ihre pseudowissenschaftliche Verpackung. Indem er historische Beispiele wie Franklin D. Roosevelt heraufbeschwört – der 1933 zeitweise diktatorische Vollmachten erhielt –, konstruiert er eine scheinbare Legitimität für autoritäre Machtübernahmen. Doch im Gegensatz zu FDRs New Deal zielt Yarvins „Reset“ auf die dauerhafte Ausschaltung checks and balances: Die Abschaffung unabhängiger Gerichte, die Zentralisierung der Polizeigewalt und die Schließung kritischer Medien wie der New York Times. Wie ein Algorithmus, der sich selbst optimiert, entwirft er einen Staat, der oppositionelle „Bugs“ systematisch eliminiert.
Silicon Valley meets MAGA: Wie Tech-Milliardäre Yarvins Vision finanzieren
Während Yarvins Bücher früher nur in Online-Foren kursierten, fließen heute Millionen aus dem Tech-Sektor in seine Projekte. Marc Andreessen, Mitbegründer von Netscape und Trump-Berater, pries Yarvins „kühnes Umdenken von Governance“ als „die nächste disruptive Innovation“. Peter Thiel, der bereits Palantir (eine umstrittene Datenanalyse-Firma) mitbegründete, investierte in Yarvins Startup „Urbit“ – ein dezentrales Computernetzwerk, das als Infrastruktur für alternative Machtstrukturen dienen könnte.
Dieser Tech-Autoritarismus bedient sich digitaler Werkzeuge: Yarvins „Trump-App“-Idee sieht vor, mittels einer Mobilisierungsplattform 80 Millionen Anhänger*innen zu koordinieren – für „friedliche Proteste“ vor Gerichten oder Behörden, die seiner Meinung nach „gehorsam“ gemacht werden müssen. Trump’s Truth Social App könnte ein erster Schritt Richtung einer solchen Platform sein. Es ist der Traum eines Social-Media-Coups: Likes in Legislative, Shares in Exekutive verwandeln. Gleichzeitig plant er die „Liquidierung“ von Institutionen wie Harvard, die er als „Hirnwäschezentren“ der liberalen Elite brandmarkt.
Doch hier offenbart sich ein Widerspruch: Ausgerechnet Tech-Milliardäre, die ihr Vermögen in der freien Marktwirtschaft machten, unterstützen ein System, das Wettbewerb und Innovation erstickt. Ironischerweise antwortet Yarvin darauf mit dem Vorschlag, die USA in eine Monarchie verwandeln zu wollen. Der Staat als Startup. Ein gefährliches Narrativ, das Unternehmenshierarchien mit Staatsführung gleichsetzt.
Schon gewusst?
Yarvins Pseudonym „Mencius Moldbug“ kombiniert den Namen eines chinesischen Philosophen (Mengzi) mit „Moldbug“.