“A rose is a rose is a rose is a rose” vom Tod der Wirklichkeit im digitalen Zeitalter
Created on 2017-07-04 13:04
Published on 2017-07-04 19:58
Wir sollten trauern.
Trauern um die Wirklichkeit. Denn so, wie wir sie bis heute zu kennen glaubten, werden wir sie nie wieder sehen. Warum? Weil wir in ein Zeitalter beliebiger Replikation übergegangen sind. Ein Zeitalter in dem durch die Digitalisierung sämtlicher Lebensbereiche beinahe alles beliebig häufig und exakt gleich hergestellt werden kann. Und dann sind da noch Fortschritte in der Gentechnik, immer raffiniertere 3D Drucker und immer wieder bahnbrechende Erkenntnisse der Quantenforschung, die den Schluss nahe legen, dass die Welt um uns herum vielleicht gar nicht so einzigartig ist, wie wir bisher dachten.
Das gilt für die rein digitalen Welten um so mehr. Je tiefer unsere Einblicke in soziale Netzwerke gehen, desto klarer kristallisiert sich heraus: gerade das Digitale ist nicht nur beliebig reproduzierbar, es ist vor allem beliebig manipulierbar. So replizieren wir im Social Web vor allem unsere tatsächlichen Lebensumstände als behutsam kuratierte Selektion. Scheibchen für Scheibchen gehen wir sicher, dass unser digitales Selbstbild dem entspricht, wie wir uns gerne sähen und nicht wie wir wirklich sind. Damit entsprechen 1 heute die durchschnittlichen Online Communities und sozialen Netzwerke ungefähr so sehr der tatsächlichen Lebensumwelt ihrer Protagonisten wie die Welt der „Truman Show“ dem tatsächlichen Leben seiner Zuschauer.
Und genau hier gelangen wir zu einem ganz entscheidenen Punkt: Wirklichkeit wird heute online spielerisch inszeniert und von den Teilnehmern im sozialen Netz ebenso spielerisch gedeutet. Durch diese spielerische Dialektik im Umgang mit Wirklichkeit entsteht letzten Endes ein hyperreales Abbild unserer Wirklichkeit im sozialen 2 Netz. Diese replizierte, übersteigerte Wirklichkeit hat den Charakter eines kunstvoll zusammengesetzten Mosaiks. Und je schillernder die einzelnen Komponenten, desto auffälliger und begehrenswerter erscheinen die Lebensumstände der betreffenden Protagonisten. Wirklichkeit ist damit nicht “zuletzt ein Effekt vieldeutiger Repräsentationen”. Interpretieren wir unsere Umwelt im Rahmen sozialer Netzwerke so akzeptieren wir unsere Wirklichkeit nicht etwa als unveränderliche Leinwand auf der wir unser Leben projizieren. Wirklichkeit wird vielmehr zu einem Effekt, vielleicht sogar einem “Special Effect”, der dem Gezeigten Authentizität und dadurch Glaubwürdigkeit verleihen soll.
Blick in die Kristallkugel:
Was passiert also mit unserer Alltagswirklichkeit, wenn sie tagtäglich mit den glitzernden, verlockenden Hyperrealitäten ihrer Replikate im sozialen Netz konkurrieren muss? Wo beginnt die Fiktionalisierung unserer Persönlichkeit? Verwandeln soziale Netzwerke unser Leben in ein banales “Storytelling” in eine Art Selbstvermarktung des Privaten? Vielleicht liegt die Antwort in Gertrude Stein’s Gedicht mit der berühmten Zeile “Rose is a rose is a rose is a rose“: „Für Stein drückte der Satz aus, dass der Name einer Sache deren Bild und die damit verbundenen Gefühle verkörpert.” Verwenden wir Wirklichkeit in 5 sozialen Netzwerken spielerisch als Spezialeffekt, so versetzt uns dies in die Lage, mehr als reine Tatsachenberichte zu kommunizieren wir finden darüber hinaus einen Weg unsere wirklichen Gefühle mitzuteilen.
Müssen wir also wirklich um die Wirklichkeit trauern?
Vielleicht sollten wir stattdessen eine neue Form der digitalen Kommunikation feiern. Eine Form, in der Wirklichkeit von allen spielerisch inszeniert und interpretiert wird. Eine Wirklichkeit, die durch ihren spielerischen Charakter viel mehr einem Effekt gleicht, als einer nachprüfbaren Realität. Ein Spezialeffekt, der uns allen aber letzten Endes dabei hilft, uns gegenseitig in einer global immer stärker vernetzten Welt emotional einander besser zu verstehen.